Bandscheibenvorfall: Stechender Schmerz - gute Prognose
Shownotes
Ein Bandscheibenvorfall kommt oft wie aus dem Nichts: ein stechender Schmerz, der ins Bein zieht, manchmal Taubheit oder Kribbeln. Aber was passiert da eigentlich im Rücken und warum ist die Prognose meist besser, als man denkt? In dieser Folge nehmen wir den lumbalen Bandscheibenvorfall genau unter die Lupe. Wie entsteht er? Warum erwischt er uns so oft im mittleren Lebensalter und weshalb strahlen die Schmerzen häufig bis ins Bein aus? Wir reden über konservative und operative Behandlungsmöglichkeiten und diskutieren, wann ein Eingriff überhaupt notwendig ist: Viele Bandscheibenvorfälle heilen nämlich ganz ohne Operation aus. Zum Schluss gibt es wie immer eine praktische Übung zur Stärkung der Rumpfmuskulatur, für einen starken Rücken.
Über den Podcast
Mit medizinischer Expertise, journalistischer Neugier und einer guten Portion Humor nehmen Dr. Timmo Koy und Christoph Flach Themen rund um die Wirbelsäule unter die Lupe, die viele Menschen betreffen: Von Bandscheibenvorfall und Ischialgie über Nackenschmerzen und Spinalkanalstenose bis hin zu Prävention, Bewegung und neuen Therapieansätzen. Im Mittelpunkt stehen dabei immer ganz konkrete Lösungen.Jede Folge liefert verständliche Antworten und praktische Tipps um die eigene Rückengesundheit aktiv zu fördern. Zum Abschluss jeder Folge gibt es außerdem eine einfache Übung für einen starken Rücken.
Dr. Timmo Koy ist Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie in der KLINIK am RING - Köln und leitet dort seit vielen Jahren das Wirbelsäulenzentrum, wo er sich ausschließlich mit der Wirbelsäule beschäftigt.
Christoph Flach ist Journalist und begleitet die Gespräche mit kritischen Fragen, verständlichen Erklärungen und dem klaren Blick auf die Themen, die Patientinnen und Patienten wirklich beschäftigen.
Egal, ob Sie selbst unter Rückenschmerzen leiden oder einfach mehr über die Gesundheit Ihrer Wirbelsäule erfahren möchten: Dieser Podcast bietet fundiertes Wissen, praktische Hilfestellungen und spannende Gespräche – für mehr Lebensqualität und einen gesunden Rücken.
Hinweis: Dieser Podcast dient der Information und Unterhaltung. Er ersetzt keine individuelle medizinische Beratung sowie keinen Besuch bei einer Ärztin oder einem Arzt.
Transkript anzeigen
Christoph Flach: Heute bei Tatort Wirbelsäule der Bandscheibenvorfall. Was genau ist ein Bandscheibenvorfall? Wie erkennt ihr den? Was könnt ihr tun? Und wie ist die Aussicht auf Heilung? Das besprechen wir in dieser Folge, und wie immer gibt es am Ende einen Tipp zur Vorbeugung. Wenn es plötzlich richtig wehtut im Rücken und es geht nicht weg, dann kann das ein Bandscheibenvorfall sein. Es kann sein, dass der Schmerz ausstrahlt in euer Bein. Es kann auch Taubheitsgefühle geben oder Kribbeln im Bein, selten, aber möglich sind auch Lähmungserscheinungen im Bein. 24 Wirbel haben wir in unserer Wirbelsäule. Die Bandscheiben sind so was wie die Stoßdämpfer zwischen den Wirbeln. Und wenn ein Teil dieser Bandscheiben austritt, irgendwo hin, wo es nicht hingehört, dann nennt man das einen Bandscheibenvorfall. Dummerweise ist euer Wirbelkanal ganz in der Nähe, mit dem Rückenmark und all den Nerven. Wenn dann ein Teil der Bandscheibe auf die Nerven drückt, dann entstehen die Schmerzen und Probleme. In Deutschland gehen jedes Jahr rund 180.000 Menschen wegen solcher Symptome zur Ärztin oder zum Arzt. Oder anders gerechnet, von 10.000 Menschen sind pro Jahr 15 betroffen. Aber es gibt eine Dunkelziffer, und die liegt wahrscheinlich sehr viel höher. Der Bandscheibenvorfall ist also ein häufiges Problem. Und unser Übeltäter in dieser Folge. Hallo Timmo.
Dr. Timmo Koy: Hallo Christoph.
Christoph Flach: Hallo ihr. Hallo zusammen. Willkommen zu dieser Folge Bandscheibenvorfall. Vielleicht fangen wir mit so etwas wie einer guten Nachricht an. Das geht wieder weg.
Dr. Timmo Koy: Das geht zumindest in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle wieder weg. Von selber oder weil jemand nachhilft, so jemand wie du? Nein, das geht eigentlich auch von selber zurück. Das braucht natürlich eine gewisse Zeit. Und jemand wie ich kann dabei helfen, diese Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten.
Christoph Flach: Okay, das heißt zum Beispiel, es gibt Entscheidungen zu treffen, was macht man. Und wie gewalttätig wird das, was man da macht?
Dr. Timmo Koy: Also Gewalt ist eigentlich keine Option. Ja, das stimmt natürlich. Irgendeine Form von Körperverletzung ist es schon. Deswegen muss man sich das gut überlegen, und es muss wirklich eine sehr hohe Aussicht auf Erfolg bestehen, bevor man zum Messer greift. Aber das ist ja zum Glück auch in den meisten Fällen gar nicht nötig.
Christoph Flach: Gehen wir mal mit der Lupe auf diesen Bandscheibenvorfall. Ich habe ja schon gesagt, wir haben diese 24 Wirbel. Und da ist dieser Stoßdämpfer Bandscheibe dazwischen. Was genau breitet sich denn da jetzt aus? Kannst du uns mal diesen Aufbau dieser Bandscheibe erklären?
Dr. Timmo Koy: Ja, also kurz gesagt besteht die Bandscheibe aus zwei Hauptbauteilen. Das eine ist der Faserring um die Bandscheibe herum. Also dieser Faserring nennt eine Menge Kollagenfasern und das ist eine Hüllstruktur, das sind Fasern, die wie so ein Maschendraht angeordnet sind. Und mit diesen Fasern ist die Bandscheibe in den benachbarten Wirbeln verankert und das ist sozusagen drumherum einfach so eine feste Barriere für diese Bandscheibe. Und im Inneren ist der Gallertkern und dieser Gallertkern enthält Proteine, also Eiweiße, die Flüssigkeit speichern können. Und dadurch kommt diese Pufferfunktion zustande. Und beim Bandscheibenvorfall hat der Faserring ein kleines Loch, ein kleines oder manchmal auch ein größeres Loch. Und dann hat man einen kleinen und größeren Bandscheibenvorfall, weil ein Teil dieses Gallertkerns dann austritt.
Christoph Flach: Aha, also ein Riss in dieser Hülle und dann kommt das weiche Zeug da quasi raus, das soll nicht. Und dann fangen die Schwierigkeiten an, wobei dieser Riss und das Austreten an sich ja gar nicht die Schwierigkeiten macht.
Dr. Timmo Koy: Ja, nee, das tut wahrscheinlich, das kann auch mal Rückenschmerz verursachen. Allerdings das Hauptproblem beim Bandscheibenvorfall sind ja neben dem Rückenschmerz vor allem die Schmerzen, die ins Bein ausstrahlen. Und die kommen durch die Kompression von Nerven zustande.
Christoph Flach: Die ja in der Nähe dort verlaufen und dieses ausgedehnte, gallertartige Ding drückt auf die Nerven, vereinfacht gesagt. So, genau.
Dr. Timmo Koy: Die Nerven laufen im sogenannten Wirbelkanal. Das ist, wie der Name schon sagt, ein Kanal hinter der Wirbelsäule und in dem liegt unser Rückenmark. Und da das Rückenmark kürzer ist als die Wirbelsäule, das hört ungefähr am Übergang von der Brust zur Lendenwirbelsäule, hört das Rückenmark auf. Es gibt aber Nervenfasern, die noch viel weiter unten diesen Wirbelkanal verlassen. Die müssen also eine Strecke in diesem Wirbelkanal zurücklegen. Und auf diese Nerven, die da im Wirbelkanal verlaufen, und in dem Wirbelkanal ist ja nur eine begrenzte Menge Platz. Da drücken diese, drückt der Bandscheibenvorfall dann drauf.
Christoph Flach: Jetzt haben wir ja gerade gehört, dass dieser Galertkerlkerl war gut. Der Galertkerl, der Übeltäter. Ja, das kannst du so belassen. Ja, ja, mach ich. Der Gallertkern tritt aus, weil ja diese Hüllstruktur beschädigt ist, warum ist die beschädigt? Ist es Gewalteinwirkung oder ist es Verschleiß oder was ist da so üblich?
Dr. Timmo Koy: Also, es gibt Ausnahmefälle, wo so ein Bandscheibenring auch zerreißen kann, also durch Gewalt zerreißen kann. Das kommt aber nie isoliert vor, dann zerreißen auch hinten an der Wirbelsäule noch andere Bänder oder es werden Knochen brechen. Also das müssen schon eine gewaltige Energie sein, die da auf die Wirbelsäule einwirkt. In der Regel ist es Verschleiß. Und deswegen ist ja der Bandscheibenvorfall auch so eine typische Erkrankung, sag mal so, des mittleren Lebensalters, so 40, 50, 60. Weil, wenn man ganz jung ist, hat man in der Regel keinen Riss in der Bandscheibe, weil man da noch nicht verschleißbedingte Veränderungen vorzuweisen hat. Und wenn man etwas älter ist, dann ist der Bandscheibenkern vielleicht schon so ausgetrocknet, dass gar nichts mehr raus will. Dann hat man zwar reichlich Risse in der Bandscheibe, aber
Christoph Flach: Es kann daran liegen, dass das eben langsam vertrocknet alles oder starrer wird, aber es kann auch daran liegen, dass ich vielleicht eine Fehlhaltung mir angewöhnt habe. Ist so was auch möglich?
Dr. Timmo Koy: Gut, es gibt natürlich bestimmte Personengruppen, die häufiger Bandscheibenvorfälle aufweisen, Leistungssportler, bestimmte Sportarten, Fußball, Handball, Hockey, so was. Das sind schon Sportarten, die viel mit, wo es zu Rotations- und Scherbelastung der Bandscheibe.
Christoph Flach: Rotations- und Scherbelastung. Okay, stellen wir uns kurz mal vor. Rotation wäre jetzt Drehen seitlich, was ist eine Scherbelastung?
Dr. Timmo Koy: Im Grunde genommen eine Rotation in einer Bewegung. Zum Beispiel man neigt sich nach vorne und dabei verdreht man die Wirbel zueinander.
Christoph Flach: Mehrfach kippen oder so was.
Dr. Timmo Koy: Und dann kommt es zu einer Bewegung der Wirbel gegeneinander in eine nicht nur eine starre Richtung nach vorne und nach hinten, sondern so eine Kombinationsbewegung, kann man eigentlich sagen.
Christoph Flach: Das ist so, wenn ich das gefüllte 500-Liter-Aquarium mit Schwung auf den Tisch hebe. Ganz genau. Ja, genau. Klaviertransport ist. Klaviertransport. Allein, ja, so was.
Dr. Timmo Koy: Allein wäre besonders unvernünftig.
Christoph Flach: Ja, gut. Okay, also, jetzt ist es passiert. Ähm, Gallertkern ist ausgetreten, vorausgesetzt, ich bin da nicht zu vertrocknet in diesem Bereich.
Dr. Timmo Koy: Es klingt jetzt irgendwie komisch.
Christoph Flach: Drückt jetzt, ich finde. Drückt jetzt aber auf diesen Nervenbereich, also aufs Rückenmark oder weiter unten auf diesen freier liegenden Nerv. Jetzt habe ich diese Symptome, lass sie uns nochmal aufzählen, weil vielleicht ja auch Leute zuhören, die gar nicht so richtig wissen, ob das für sie in Frage kommt als Diagnose. Also klar, das tut weh an der Stelle und es kann ausstrahlen. Wohin kann das so ausstrahlen?
Dr. Timmo Koy: Das hängt sehr davon ab, welcher Nerv gedrückt wird. Also, das kann, wenn der Bandscheibenvorfall, was er ja üblicherweise tut, sehr weit unten an der Wirbelsäule liegt, was ja auch ein bisschen an der Natur der Sache liegt, da so auf den unteren Bandscheiben nicht mehr Belastung. Dann können die Schmerzen, Streinschmerzen häufig in diese Ischias-Region aus, was man so im Volks mit den Ichas nervt. Also Gesäß, hinterer Oberschenkel, Wade, so. Und wenn er etwas weiter oben an der Wirbelsäule liegt, dann kann er aber auch in den vorderen Oberschenkel ausstrahlen, bis zum Knie zum Beispiel oder wenn er noch ein Stück weiter oben liegt, sogar an die Leiste. Also alles ist möglich.
Christoph Flach: Was ist mit ganz weit oben, wenn ich jetzt sage hier Halswirbelsäule, da gibt es da Bandscheibenvorfälle? Und was machen die?
Dr. Timmo Koy: Da gibt es auch Bandscheibenvorfälle, die strahlen dann in den Arm, die machen nur Schmerzen, die in den Arm ausstrahlen.
Christoph Flach: Ah, okay. Kann es sein, dass man denkt, okay, Gott, ich habe einen Herzinfarkt, weil hier irgendwie alles wehtut, aber es ist nachher eine Bandscheibe.
Dr. Timmo Koy: Ja, und das gibt's, ja. Also einen Herzinfarkt spürt man ja meistens im linken Arm, wenn die Symptome in den Arm ausstrahlen. Und wenn man jetzt einen linksseitigen Bandscheibenvorfall an der Halshülle so hat, kann das ganze ähnliche Beschwerden hervorrufen.
Christoph Flach: Ja, jetzt haben wir ja mal eingekreist, wie das überhaupt funktioniert mit dieser Bandscheibe, warum da sich was bewegt, wo es nicht hin soll, was dann nachher die Schmerzen sind, kommen wir jetzt mal zu dem schon angekündigten positiven Teil, dass sich das ja auch wieder erledigen kann. Ideal gesprochen, wenn das sich von selber erledigt, wie geht das?
Dr. Timmo Koy: Das hängt damit zusammen, dass die Bandscheiben, zumindest beim Erwachsenen, kein eigenes Blutgefäßsystem mehr haben. Also die Ernährung erfolgt nicht dadurch, dass irgendwie über eine Arterie sauerstoffreiches Blut oder reich an Nahrungsmitteln sozusagen Blut in die Bandscheibe gerät, sondern die Ernährung erfolgt durch Diffusion. Gut durchblutet sind die angrenzenden Wirbelkörper und entlang eines Konzentrationsgradienten, sagt man so, also von dort, wo viel ist, das fließt dahin, wo wenig ist und umgekehrt. Gelangen die Nährstoffe in die Bandscheibe und die Abfallprodukte des Stoffwechsels wieder zurück. Das und der gleichmäßige Rhythmus aus Belastung und Entlastung, also wie so ein Schwamm zusammengedrückt zu werden, sich wieder vollsaugen zu können. Das ist das gleiche Prinzip. Das sorgt für die Ernährung der Bandscheibe. Und wenn Bandscheibengewebe aus diesem Bandscheibenfach oder so manchmal rausgerutscht ist und jetzt im Wirbelkanal liegt, dann wird es weder wie ein Schwamm regelmäßig belastet und entlastet, noch erreichen die Nährstoffe diese ausgetretenen Bandscheibenteile und verhungert dieses ausgetretene Stück sozusagen. Also es geht zugrunde.
Christoph Flach: Und wird vom Körper dann als nutzlos und körperfremd erkannt und abgebaut. Fehlt dann nicht gallertartige Masse in der eigentlichen Bandscheibe? Ist sie dann kleiner dadurch?
Dr. Timmo Koy: Das ist so, die verliert an Höhe, der fehlt, der Teil. Aber in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle macht das keine Beschwerden.
Christoph Flach: Hauptsache, der blöde Teil ist weg, wird abgestoßen. Und vielleicht merke ich ja das mit der fehlenden Höhe, erst wenn ich über 100 bin.
Dr. Timmo Koy: Genau. Dann, wenn du über 100 bist. Und dann, bis du über 100 bist, haben wir dafür eine Lösung.
Christoph Flach: Okay, das ist schon mal sehr gut. Lösung, nächster Teil. Wenn man sich online umschaut, gibt es eine ganze Reihe Menschen weltweit, die sagen, oh, ich kann da helfen bei so Rückenproblemen und dann schnallen die Leute auf so eine Streckbank. Oder legen die auf den Rücken, dann kriegen die so ein Handtuch in den Nacken und dann wird da feste gezogen und der ganze Rücken wird langgezogen. Oder es gibt ja Therapieformen, so Massagetechniken, wo Leute auf dem Rücken rumlaufen und dann irgendwie mit feinem Zehenspitzengefühl irgendwelche Wirbel in Position bringen. Darf ich kurz einmal abprüfen, was du als Wirbelsäulenspezialist davon hältst?
Dr. Timmo Koy: Also ich bin ja grundsätzlich wohlwollend auch gegenüber Therapien, die so links und rechts vom allgemein üblichen Spektrum liegen. Schön gesagt. Aber ich kann nur davon abraten, einen Bandscheibenvorfall versuchen einzurenken. Das macht es in der Regel schlimmer. Und auf dem Rücken rumlaufen, also die meisten Patienten, die Bandscheibenvorfall haben, haben kein Bedürfnis danach, dass ihnen jemand auf dem Rücken rumläuft. Und also es ist so, wer heilt, hat recht, sage ich einmal so. Deswegen, also ich will ja keinem zu nahe treten, aber ich finde in dem Wissen, dass der Bandscheibenvorfall eigentlich eine gute Prognose hat, würde ich mich eher dann um die symptomatische Behandlung kümmern und von so Dingen wie Einrenken und so ein Handtuch um den Hals und dann kräftiger Ruck, das würde ich jetzt tendenziell eher von abraten.
Christoph Flach: Jetzt sagst du gerade schon so interessante Sachen wie symptomatisch arbeiten. Also das wären die Schmerzen, die man hat, die Lähmungserscheinungen. Die würdest du zum Beispiel als Fachmann, als Arzt jetzt angehen? Also vielleicht mal ein Beispiel aus der Praxis. Jetzt kommt jemand zu dir und du diagnostizierst diesen Bandscheibenvorfall. Was wäre denn dann so ein Schritt? Zu sagen, wir gehen da systematisch dran. Symptomatisch, Pardon, systematisch und beides. Nach Möglichkeit beides.
Dr. Timmo Koy: Die, also wir müssen, wir haben den Bandscheibenvorfall diagnostiziert und die Beschwerden des Patienten. Von mir aus hat er jetzt einen starken Schmerz, der dann irgendwie übers Gesäß, den hinteren Oberschenkel, die Wade ausstrahlt. Da hat er auch eine Taubheit. Ähm. Dann wissen wir jetzt durchs MRT, wo der Bandscheibenvorfall ist. Der wird bei dieser Symptomatik wahrscheinlich im untersten Bandscheibenfach sein, dem sogenannten Bandscheibenfach L5/S1. Die werden so genannt, weil wir in der Regel 5 Lendenwirbel haben. Und die werden von oben nach unten gezählt. Also ist der unterste freie Wirbel der fünfte Lendenwirbel, L5. Und S1 steht für lateinisch Sacrum, Kreuzbein, also der erste Kreuzbeinwirbel. Oder erster Wirbel des Kreuzbeinmassivs. So, da wird dieser Bandscheibenvorfall wahrscheinlich sein und auf die sogenannte S1-Nervenwurzel drücken. Also jede Nervenwurzel hat ja einen, hat man schon gesagt, eine ganz typische Ausstrahlung. Man nennt das ein Dermatom, also eine Region, wo der Schmerz sich hinbrüht.
Christoph Flach: Und dann weißt du schon, wenn du weißt, wo der Schmerz sitzt, welcher genaue Bandscheibenvorfall das wahrscheinlich ist.
Dr. Timmo Koy: So ist das. Also meistens weiß man anhand der Untersuchung, man kann dann ja auch noch Reflexe überprüfen und Nervendehnungszeichen überprüfen, man muss sich den Körper schon genau angucken. Patienten schon genau, an den entkleideten Patienten angucken. Da muss man sehr viel Wert drauf legen. Aber dann hat man meistens eine sehr gute Ahnung davon, wo der Übeltäter sitzt. So und dann, wenn man weiß, woher der Schmerz kommt, das ist sozusagen Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Also das ist schon der halbe Schritt. Und die Behandlung von Schmerzen und Taubheitsgefühlen kann in der Regel konservativ erfolgen.
Christoph Flach: Das war jetzt Arztsprech, wenn ich ganz dazwischen gehen darf. Ja, dafür bin ich ja auch da. Also, konservativ heißt keine Operation, das Kartell bleibt im Schrank. So ist es. Wobei du andere Gegenstände auspackst, vor denen man auch Angst haben kann.
Dr. Timmo Koy: Ja, aber meiner Meinung nach nicht haben muss. Also Spritze ist die Komma die.
Christoph Flach: Ja. Okay. Und dann hieß du das jetzt, Operation brauchen wir nicht, aber du willst ja, hast du gerade gesagt, symptomatisch und systematisch beides diese Schmerzen wegkriegen. Also ist das die berühmte Spritze?
Dr. Timmo Koy: Ja, also sag mal so. Außer einer Operation oder einer Nadel gibt es ja nichts, habe ich tatsächlich kein Werkzeug, um eine ganz spezifische Behandlung am Ort des Geschehens durchzuführen.
Christoph Flach: Außer du läufst drauf rum.
Dr. Timmo Koy: Das machen wir ja nicht. Das haben wir ja vorhin schon ausgeschlossen, dass wir es machen wollen. Und die Spritze ist natürlich eine deutlich weniger traumatisierende Behandlung. Und damit kann man aber an den Ort der Schmerzentstehung ein Medikament bringen, in der Regel kommen hier Lokalanästhetika zum Einsatz und Cortison, weil es ein sehr starker Entzündungshemmer ist und die Nervenwurzel wird als Folge dieses Drucks, dem sie ausgesetzt ist, entzündet sein. Und wir können es an den Ort der Schmerzentstehung spritzen. Das vermeidet erstens systemische Nebenwirkungen, die wir hätten, also das heißt, Nebenwirkungen, die den ganzen Körper betreffen, wenn wir sie als Tablette schlucken würden. Und es kommt auch mehr Wirkstoff am Ort des Geschehens an. Ja, und das ist der spezifische und systematische Teil der Behandlung sozusagen.
Christoph Flach: Die Auswahl des Mittels, das du spritzt, hat sicher wieder was zu tun mit der Patientin, dem Patienten und dem genauen Bild. Davon gehe ich aus. Oder ist das so ein Cocktail, den man da nimmt?
Dr. Timmo Koy: Nee, da gibt es tatsächlich bestimmte Cocktails, die alle verwenden und auch Dosierungen, die alle verwenden und die da üblich sind.
Christoph Flach: Wie viele Spritzen sind nötig? Ist das so eine, wo du so sagst, jetzt bin ich drauf, rein damit? Oder ist das schon klar? Du hast ja von Nervenwurzeln gesprochen, Plural, ich habe genau aufgepasst, sodass es ja gut sein kann, dass du mehrmals spritzt.
Dr. Timmo Koy: Das ist aber meistens nicht nötig. Meistens ist nur eine Nervenwurzel, die die Beschwerden auslöst. Und wie viele Injektionen nötig sind, ist individuell sehr unterschiedlich. Der Klassiker wären drei. Drei solche Injektionen, die werden auch sehr genau gezielt unter dem CT oder Röntgen. Also wir machen es unter dem CT, weil das nochmal eine deutlich geringere Strahlenbelastung ist als unterm Röntgen. Für den Patienten oder die Patientin und dann in der Regel sind es drei und dann sind die meisten Patienten glücklich, es können maximal sechs sein.
Christoph Flach: Wie lange dauert es nach der Spritze, bis die Patientin, der Patient merkt, dass es besser wird. Das ist auch sehr unterschiedlich.
Dr. Timmo Koy: Manche haben schon beim Rausgehen das Gefühl, dass es ihnen besser geht. Ihnen dann raus, das ist ja schon mal gut. Was denkst du, Christoph? Also, es gibt ein ganz, ganz kleines Risiko, dass das Bein nach dieser Injektion taub wird. Aber das passiert wirklich nur sehr selten. Vorübergehend. Vorübergehend taub, ja. Das ist kein Grund zur Panik, dann wartet man ein, zwei Stunden das Bein wieder einem selben
Christoph Flach: So, und dann ist die Spritze gesetzt und da ist ja dann auch so was wie ein Teufelskreis durchbrochen, weil ja die Schmerzen weniger werden und alles kann sich entspannen. Ich nehme an, das ist ja auch gar nicht schlecht für die Heilung. Oder wäre das egal, halt es nicht schnell schneller durch die Spritze.
Dr. Timmo Koy: Also, ähm, ich würde ja gerne behaupten, dass meine Spritze der große dieses große Heilungspotenzial der Schweizer. Timmo ist Zauberschmerze. Aber die Wahrheit ist eigentlich, dass wir sehr effektiv zwar, aber dann nur die Symptome bekämpfen und damit dem Körper Zeit geben, sein Werk zu tun, nämlich sich selbst zu heilen. So ehrlich muss man sein. Aber natürlich, wenn der Schmerz nachlässt, also abgesehen davon, dass das ja ein schönes Gefühl ist, dann entspannt sich auch die Muskulatur natürlich. Die ist reaktiv immer sehr stark verspannt. Und das macht es natürlich dann dem Physio auch wieder leichter, seine Arbeit zu tun.
Christoph Flach: Und im Zweifel wird ja alles wieder besser und normaler bewegt. Und wir haben ja gelernt, dass diese Pumpbewegung da mit Blick auf die Bandscheibe und ihre Versorgung auch wichtig sind. Also gut.
Dr. Timmo Koy: Richtig, genau. Jetzt ist natürlich die Belastung. Also bis zum gewissen Grad gilt das nur eingeschränkt für die frisch vorgefallene Bandscheibe. Da muss man natürlich Überlastung am Anfang auch vermeiden. Aber sag mal so, ich sage, ich empfehle allen meinen Patienten, sobald die Symptome unter Kontrolle sind, sich möglichst normal zu belasten. Also ich sage keinem Patient mit Bandscheibenvorfall, er darf nicht joggen gehen oder schwimmen, Fahrrad fahren oder vielleicht sogar mal eine Partie Tennis spielen.
Christoph Flach: Das geht alles. Jetzt gehen wir mal den Weg in Richtung Schrank, wo das Kartell drin ist, denn es gibt ja Fälle, da wird operiert. Da ist das konservative Spritzen, Abwarten, den Körper machen lassen, offensichtlich nicht so erfolgsaussichtsreich, gibt's das Wort. Stimmt. Ja. Wie stellt ihr das, wie stellst du das fest? Also, was würde dich dazu bewegen, eine Operation anzuraten?
Dr. Timmo Koy: Also, das gibt eigentlich zwei Gründe, warum man operieren muss. Grund Nummer eins ist die Lähmung. Also, wenn jede Nervenwurzel hat auch einen bestimmten Kennmuskel. Also, um bei dem Beispiel von eben zu bleiben. Diese S1-Nervenwurzel, die versorgt die Wadenmuskulatur. Und wenn man plötzlich feststellt, dass man beim Gehen nicht mehr richtig abrollen kann, weil die Wadenmuskulatur zu schwach ist oder man kommt nicht mehr auf die Zehenspitzen, dann hat man eine alltagsrelevante Schwäche dieser Wadenmuskulatur. Das wäre ein Grund zu operieren. Warum? Weil wir mittlerweile aus großen Studien wissen, dass in einem solchen Fall die Nervenwurzel echt geärgert ist und es ihr gut tut, wenn man den Druck möglichst rasch hinwegnimmt. Also wenn der Bandscheibenvorfall sich von alleine resorbiert, dann dauert das natürlich Wochen, teilweise Monate. Und dass dieses Bandscheibengewebe über diesen Zeitraum immer noch weiter auf diese Nervenwurzel drückt, das mindert die Chancen, dass sich nachher wieder die volle Kraft zurückbildet. Und dann kann man umgekehrt gesagt die Chancen deutlich verbessern, dass sich diese Schwäche wieder zurückbildet,
Christoph Flach: wenn man den Druck vom Nerv rasch wegnimmt und das wäre dann eben die Operation. Das machen wir jetzt mal. Wir gehen also jetzt in den Operationssaal. Irgendwas piept. Da piepen ja immer irgendwelche Geräte. Meistens die vom Anästhesisten. Es ist kühl, habe ich mal irgendwann gemerkt in Operationsräumen, ne? Wird ein bisschen runtergekühlt.
Dr. Timmo Koy: Ja, sag mal so, es darf nicht zu heiß sein, das fördert die Gefahr von Infektionen und es muss natürlich in jedem Operationssaal eine ständige Durchlüftung sein. Da darf keine Luft stehen. Ihr tragt grüne, blaue Klamotten.
Christoph Flach: Bei uns sind es in der Regel grüne im Moment, das wechselt aber auch mal in meinem Auto. Okay, je nach Wäscherei. In amerikanischen Arztserien haben die Ärzte so lächerliche Häubchen auf dem Kopf in bunten Farben, so mit Tücher-Style. Batik, hast du so was?
Dr. Timmo Koy: Ich hab was auf dem Kopf, ja, um die Haare abzudecken, weil die auch eine potenzielle Infektionsquelle sein können. Keine Bassen. Das sind aber ebenso wie unsere OP-Kittel übrigens Einmalware.
Christoph Flach: Da investiert man nicht in schöne Sachen, ja.
Dr. Timmo Koy: Nee, wird nicht mit Hand durchgewaschen danach.
Christoph Flach: Patientin liegt jetzt auf dem OP-Tisch. Es ist eine Bandscheibenoperation. Von welcher Seite aus kommt ihr?
Dr. Timmo Koy: Von der Seite, die weh tut, sozusagen. Also wenn sie einen Bandscheibenvorfall auf der rechten Seite hat, dann von rechts, wenn sie auf der linken Seite hat, von links.
Christoph Flach: Und Patientin liegt auf dem Bauch?
Dr. Timmo Koy: Ja, aber der Azugriff auf der Frau. Volk von hinten. Ja. Nur ist, sag mal so, wenn man die Wirbelsäule in der Mitte hat, kann man ja rechts von der Wirbelsäule oder links von der Wirbelsäule in die Tiefe präparieren und das machen wir dann von der symptomatischen Seite.
Christoph Flach: In der Mitte hat keinen Sinn, da sind die Knochen. Ihr müsst ja drumrum irgendwie.
Dr. Timmo Koy: Da sind die Dornfortsätze, die man so als kleine Knubbel hinten tasten kann.
Christoph Flach: Ja, da wollt ihr nicht hin. So, und dann wird ja wahrscheinlich ein kleines Fenster geöffnet, so klein wie möglich, nehme ich an. Ist das was, was man minimalinvasiv machen kann? Also mit Sonden oder so? Oder ist das schon eine Operation, wo ihr ordentlich aufmachen müsst?
Dr. Timmo Koy: Nein, nein, das ist heutzutage, wird das minimalinvasiv gemacht. Also richtig weit aufschneiden müssen wir heutzutage keinen mehr, das müssen wir nicht wegen dem Bandscheibenvorfall. Und das sind meistens kleine Schnitte von zwei Zentimetern, und dann wird ein Spreizer eingesetzt. Und du sagst es gerade, Fenster ist interessant, weil es bereits ein Fenster gibt. Das sogenannte interlaminäre Fenster nennt ihr das. Das kann man gleich wieder vergessen. Das ist ein Begriff, der Raum zwischen zwei benachbarten Wirbelbögen. An jedem Wirbel ist so ein Wirbelbogen dran und mehrere Wirbelbögen übereinander bilden ja dann diesen Wirbelkanal. Und du weißt, wo du hin willst und suchst dir das passende Fenster. Das, wo ich hin will, das weiß ich durchs Röntgen. Das muss ich vorher einmal röntgen. Das kann man jetzt an der Körperoberfläche so nicht fehlerfrei erkennen. Aber ich röntge das einmal und dann weiß ich, wo ich hin muss.
Christoph Flach: Und dann, ich nehme an Patient, Patientin ist Vollnarkose. So ist es. Da gibt es keine Möglichkeit zu sagen, ich gucke mir das mal von der Seite an, bleibe wach. Ihr wollt die wahrscheinlich ganz in Ruhe liegen haben, ne?
Dr. Timmo Koy: Irgendwie die Narkose hat ja auch den Sinn und Zweck, dass das erträglich wird für den Patienten, um die Schmerzen zu nehmen. Und da gibt es ja neben der Vollnarkose nur die Teilnarkose, die sogenannte Spinalanästhesie. Aber es geht schlecht, wenn man da, wo man die Spinalanästhesie macht, dann operieren will, was wir sollen.
Christoph Flach: So, und dann geht ihr da rein. Mal so über den Daumen, wie tief ist dann da diese Stelle vom Rücken aus gesehen im Körper, an die du ran musst?
Dr. Timmo Koy: Naja, das ist natürlich auch sehr unterschiedlich. Also wenn wir einen schlanken Patienten haben, dann würde ich schätzen, vielleicht können es manchmal nur 3 cm sein. Und wenn das ein etwas fülligerer Patient ist, dann können es auch mal 10 cm sein.
Christoph Flach: Kann vielleicht noch Fett absorgen, vielleicht besser nicht. Das hat, glaube ich, für diesen kleinen Zugang keinen Zweck. So, und dann habt ihr da euer Werk getan. Das heißt, ihr entfernt diesen gallertartigen Austritt.
Dr. Timmo Koy: Wir müssen den Wirbelkanal zunächst eröffnen, der ist ja nicht von Natur aus offen, sondern da ist ein Band vor, das sogenannte gelbe Band, das diese Wirbelbögen sozusagen in Längsrichtung miteinander verspannt und da müssen wir ein kleines Fenster reinmachen. Und dann kann man den Nerv sehen, der von dem Bandscheibenvorfall nach hinten gedrückt wird. Die Bandscheibe kommt ja von vorne, die Nerven liegen hinter der Bandscheibe. Also drückt dieser Bandscheibenvorfall die Nerven nach hinten, also mir entgegen quasi, wenn ich operiere. Und dann kann ich den Nerv beiseite halten und diesen ausgetretenen Gallertkern aus dem Wirbelkanal ziehen.
Christoph Flach: Das stelle ich mir unheimlich spannend vor, dieser Moment, wo man das dann sieht, wo das wirklich offen ist und du dann ja quasi etwas siehst, was du schon vermutet hast und aufgrund der Bildgebung schon grob gesehen hast, aber das ist doch bestimmt ein spannender Moment, wenn man so den Übeltäter dann hat. Im Sinne von Tatort, Rücken. Das ist ein schöner Moment, ja.
Dr. Timmo Koy: Also äh das äh macht, das ist wirklich ein schöner Moment, was kann man so sagen. Weil ich ja auch weiß, dass wenn ich jetzt diesen Knubbel da aus dem Band, aus dem Wirbelkanal entferne, dann kann ich, ja, erwartbar dem Patienten damit helfen und weiß, dass er aufwacht und diesen Schmerz los ist.
Christoph Flach: Und das ist ein schönes Gefühl. So, und dann ist Rückzug angesagt, du hast aufgeräumt, ihr macht alles schön wieder zu. Patient wacht auf. Wie lange braucht man dann noch im Krankenhaus, bis man gehen darf nach so einer Operation?
Dr. Timmo Koy: Also bei uns jetzt ist es so, dass die Patienten zwei Nächte bleiben in der Regel. Wir legen noch eine Drainage ein.
Christoph Flach: Das heißt Flüssigkeitsableitung.
Dr. Timmo Koy: Genau, falls noch ein bisschen Blut oder Wundsekret nachläuft, dass das nach außen abgeleitet wird und nicht auf den Nerven zu liegen kommt. Die wird dann am Folgetag aber gezogen. Die Patienten bekommen von unseren Physios einmal gezeigt, wie sie sich rückenschonend bewegen, weil sie das für die nächsten sechs Wochen auch machen müssen, leider. Das hat gar nicht so sehr mit der Operation zu tun, die ist ja, wie gesagt, minimalinvasiv und wenig traumatisierend und die meisten haben danach überhaupt keine, also allenfalls geringe Schmerzen. Das hat mehr damit zu tun, dass wir ja immer noch dieses Loch hinten im Faserring haben, auch wenn wir den ausgetretenen Teil entfernt haben. Das Scheunentor steht sozusagen immer noch ein bisschen offen. Das kriegt man auch nicht zu. Das hat man auf alle möglichen verschiedenen Arten und Weisen versucht, und so richtig funktioniert hat es wirklich nicht. Also lasst es in Ruhe. Also lassen wir es in Ruhe und sagen dem Patienten, sechs Wochen lang bitte nicht schwer heben, also über 5 Kilo, nicht tief bücken und keine Rotationsbewegung. Stichwort Scherbelastung. Und also kein Klaviertransport. Und so das Schlimmste sozusagen, was man machen kann, ist sozusagen seitlich die Kiste Bier aus dem Kofferraum heben und dann vor sich auf die Straße stellen. Das wäre so eine Kombination aus allem, was man nicht darf. Das müssen die sechs Wochen einhalten, aber dafür sind zum Beispiel so Sachen, früher mussten die Patienten während dieser Zeit, durften die nicht sitzen. Sechs Wochen. Sechs Wochen, ja. Was ein ungeheurer Einschnitt in den Lebensalltag. Das muss man mal versuchen, sechs Wochen lang überhaupt mal. Man muss auch versuchen, so im Alltag einfach mal zwei Stunden nicht zu sitzen. Das ist echt schwer.
Christoph Flach: Es gibt auch richtig relevante Dinge im Leben eines Menschen, die man üblicherweise im Sitzen macht. Und das alles nicht. Wie schön, dass ihr davon weg seid.
Dr. Timmo Koy: Diese eine Ausnahme ist ja, glaube ich, erlaubt, von der du jetzt sprichst.
Christoph Flach: Aber wie schön, dass ihr davon weg seid. Danke im Namen aller Patientinnen und Patienten, dass ihr das nicht mehr einfordert. Ja, und dann sechs Wochen, die Schmerzen sind schnell weg, sagtest du ja. Es kommt dann diese Heilungszeit und wie ist denn das so nach diesen sechs Wochen nach Operation verglichen mit jemandem, der jetzt konservativ die Leiden losgeworden ist. Kann man sagen, so mittel- und langfristig, wer von denen die besseren Karten hat, so was nicht wiederzubekommen? Oder ist das so unterschiedlich, je nach Mensch, dass man das nicht sagen kann?
Dr. Timmo Koy: Doch, das kann man tatsächlich sagen. Es gibt Studien dazu, sogenannte, ähm, die heißen prospektiv randomisierte Studien, das heißt, da bin ich ja erleichtert.
Christoph Flach: Randomisiert ist zufällig. Richtig?
Dr. Timmo Koy: Ganz genau. Also es heißt, der Arzt soll ja keinen Einfluss darauf nehmen, in welchen Therapiearm der Patient kommt. Und idealerweise soll der Patient, gut, wenn man konservativ operativ vergleicht, dann weiß der Patient, in welchem Therapiearm er gelandet ist, aber also eigentlich soll das verblindet sein, also der Arzt soll nicht wissen, welchen Patienten er nachuntersucht, operierten oder nicht operierten. Und es wird dem Zufall überlassen, wer in welchen Therapiearm kommt. Weil nur so sozusagen Bias, auch irgendwelche Präferenzen vom Arzt oder wie auch immer. Genau, wir können daraus ausmachen. Und dann, von diesen Studien weiß man, dass es tatsächlich kurz-, mittel- und tatsächlich auch langfristig, also über einen Achtjahreszeitraum. Ist das untersucht, den operierten Patienten besser geht. Und zwar
Christoph Flach: Trotzdem habe ich dich kennengelernt, dass ein Arzt der Operation vermeidet, wo es nur geht. Ganz genau.
Dr. Timmo Koy: Und das ist auch, also sagen wir so, darf man sich jetzt auch von der Studienlage vielleicht nicht so ins Bockshorn jagen lassen. Operieren kann man fast immer, auch später noch. Und es, äh, das Schlauste ist immer, den natürlichen Verlauf abzuwarten, wenn es denn gelingt. Also, das geht ja nur, wenn eben keine Lähmungserscheinungen auftreten, was aber in der Mehrzahl der Fälle der Fall ist, ja, und wenn die Schmerzen mit der konservativen Behandlung in den Griff zu bekommen sind. Das ist übrigens, das habe ich gerade eben noch vergessen zu sagen, also die zweite Indikation zur Operation ist einfach der Patient geht auf dem Zahnfleisch. Es geht einfach nicht. Spritzen helfen nicht. Es gibt auch bestimmte Medikamente, die man nehmen kann, die helfen aber auch alle nicht und es erquält sich, kriegt nachts kein Auge zu. Dann muss man die Leute ja auch nicht unnötig leiden lassen.
Christoph Flach: Spannend. Ich glaube, wir haben so die Kurve rund um den Bandscheibenvorfall jetzt ganz gut genommen, einmal fehlt was Wichtiges.
Dr. Timmo Koy: Nee, also vielleicht noch die, ähm, also mir ist wichtig, dass sie, dass man, dass, dass, dass ihr Zuhörer draußen, dass sie verstehen, dass es Schlimmeres gibt als einen Bandscheibenvorfall. Ich finde, das ist eine Erkrankung, die so einen sehr schlechten Ruf hat. Das ist so, ein Bandscheibenvorfall ist immer so das Ende des Lebens, wie man es früher mal kannte, und dem ist nicht so. Das ist eine Erkrankung grundsätzlich mit einer guten Prognose und nicht operiert oder operiert, sag mal so nach drei bis sechs Monaten, ist man eigentlich wieder zurück in seinem alten Leben und kann auch alles wieder genauso machen wie vorher. Also nicht zu früh umschulen. Ich hatte schon Patienten in meiner Sprechstunde sitzen, die dann wegen einem anderen Problem gekommen sind und sagen sie jetzt: Ja, Sie wissen ja wahrscheinlich, ich habe ja da unten auch einen Bandscheibenvorfall. Ich sage so, ja, aber der ist ja längst weg. Und dann gucken die mich entgeistert an und sind dann in Tränen ausgebrochen, weil sie ihren Traumberuf aufgegeben haben und umgeschult haben und jetzt.
Christoph Flach: War nicht nötig, hätten Sie mal vorher gefragt.
Dr. Timmo Koy: Verwaltungsinspektor sind oder so was.
Christoph Flach: Klare, gute Worte, Timmo. Vielen, vielen Dank. Und ich meine, logisch am Ende ist es immer ein individuelles Ding. Der Mensch mit den Schwierigkeiten, den anzuschauen, die bildgebenden Verfahren, wie ihr immer schön sagt, Röntgen, CT, MRT, was man so alles macht, anzuschauen. Pauschale Lösungen gibt es nicht, aber ich glaube, wir haben einiges gelernt. Das hoffe ich. Ja, jetzt noch Prävention. Am Ende jeder Folge gibt es ja für euch einen Tipp, was ihr tun könnt, um euren Rücken so schön wie möglich beieinanderzubehalten. Jetzt ist das nicht zwingend was, was direkt zum Beispiel Prävention gegen Bandscheibenvorfälle wäre. Das wird ja nicht gehen. Aber Timmo, was hast du uns mitgebracht? Was ist denn heute unser Tipp, dein Tipp für einen gesunden Rücken?
Dr. Timmo Koy: Ja, also das ist auch schon der Tipp für den Bandscheibenvorfall. Also ich habe, wir haben ja auch im Rahmen dieser Folge heute gelernt, dass das ja eine Verschleißerkrankung ist und der menschliche Bauplan, unser Bauplan ist nicht auf ewig angelegt. Also das heißt, den Verschleiß an sich, den kann man wahrscheinlich nicht verhindern. Aber man kann natürlich sowohl wenn der Bandscheibenvorfall eingetreten ist, auch als bevor, bevor oder um zu verhindern, dass er überhaupt auftritt, so ein bisschen was tun und das ist vor allem das sogenannte Core-Training, also den Körperkern. Das ist im Wesentlichen die Bauch- und die Rückenmuskulatur zu kräftigen. Und wenn ich da mir eine Muskelgruppe ausüben könnte, dann ist es tatsächlich die Bauchmuskulatur. Also das ist die, wo die meisten Patientinnen und Patienten das Defizit haben.
Christoph Flach: Also der Gegenspieler zum Rücken ja auch, ne?
Dr. Timmo Koy: Der Gegenspieler zum Rücken, aber ist ganz entscheidend dafür, dass eben die Rückenmuskulatur nicht überfordert ist. Ich ahne, wir machen eine Bauchmuskelübung. Was machen wir? Also ich würde jetzt für heute den sogenannten Bicycle Crunch mal vorführen und das ist, also ich hoffe, ich werde ich jetzt nicht so gut vorführen wie ein ausgebildeter Fitnesstrainer, aber das ist eine Übung, die wird in Rückenlage durchgeführt. Das heißt, sie ist erstmal rückenschonend. Und aber wenn man sie dann eine Zeit lang gemacht hat, so nach 30 Sekunden fängt es richtig an zu brennen und das ist das, dann hat man es richtig gemacht.
Christoph Flach: Okay, das heißt, man legt sich auf den Boden und dann.
Dr. Timmo Koy: Man legt sich auf den Rücken und hebt den Kopf etwas an dabei. Kinn zur Brust. Ja, er muss nicht bis ganz zur Brust, aber er soll nicht flach auf dem Rücken liegen. Und dann zieht man das rechte Knie an, das linke Bein bleibt gestreckt. Aber rechte Knie anziehen und demnächst. Das Recht bleibt auf dem Boden oder geht hoch? Das Knie wird angezogen, aber in der Luft, also klar, der geht hoch. Also und der rechte Arm geht über den Kopf, wird er auch gestreckt. Also sozusagen Gleichschritt. Und der linke Arm liegt dem Körper an und das linke Bein ist gerade, rechtes Bein ist angewinkelt und rechter Arm über den Kopf und dann macht man das immer abwechselnd. Dann macht man das gleich, dann streckt man das die rechte Körperhälfte sozusagen, rechten Arm, rechtes Bein und zieht das linke Knie an und hebt den linken Arm über den Kopf.
Christoph Flach: Und das Ganze eher langsam oder eher schnell?
Dr. Timmo Koy: Das in seinem ganz persönlichen Tempo, aber ich würde tendenziell, ist die Übung auch langsam sehr effektiv. Und dann, wie oft? Ich würde es für den Anfang 45 Sekunden machen, 15 Sekunden Pause und wer drei Wiederholungen schafft, kann schon stolz auf sich sein.
Christoph Flach: Das ist doch mal ein handfester Tipp. Danke, Timmo. Danke euch fürs Zuhören. Wir haben noch viele weitere Folgen und gucken uns den Tatort Rücken aus verschiedensten Positionen an und kommen nach und nach vielen Übeltätern auf die Spur. Also hört mal wieder rein, schaut vorbei, wir freuen uns. Tschüss.
Dr. Timmo Koy: Tschüss, bis dann.
Christoph Flach: Dieser Podcast ist zur Information und Unterhaltung gedacht. Er ersetzt nicht den Besuch bei der Ärztin oder beim Arzt. Wir wünschen gute Besserung.
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